Schokoladentasse mit Untertasse aus Meissen

UNESCO-Welterbestätte Schlösser Augustusburg und Falkenlust in Brühl
Fernöstliche Träume

Schon seit Beginn der Handelsbeziehungen Europas mit dem fernen Osten galt das „Land der Seide“ als phantastisch und unvorstellbar schön. Kauffahrer brachten neben der Seide auch Porzellan aus China und Japan mit, das als „weißes Gold“ als ebenso kostbar angesehen war wie das Edelmetall. Die zerbrechlichen Pretiosen mit ihren exotischen Malereien begeisterten vor allem im sinnenfrohen 18. Jahrhundert europäische Fürsten und die galante höfische Gesellschaft. Ludwig XIV. von Frankreich hatte mit seinem „Trianon de Porcellaine“ im Park von Versailles bereits 1670 das Vorbild für einen Palast aus Porzellan geliefert, August der Starke von Sachsen-Polen versuchte 1732, es ihm mit dem Japanischen Palais in Dresden nachzutun, ausgestattet mit nunmehr in Meißen hergestellten Porzellanen.

Auch der als kunstsinnig geltende Kurfürst und Erzbischof von Köln, Clemens August von Bayern (1700/23-1761), war ein begeisterter Anhänger der Chinamode. Im Park seines Sommerschlosses Augustusburg in Brühl ließ er zwei fernöstlich anmutende Bauten errichten: Das erste, als „Indianisches Haus“ oder „maison sans gêne“ (um 1745) bezeichnet, ist ein frühes Beispiel für Lustbauten im chinesischen Geschmack und war der perfekte Ort für Gartenfeste. Es lag inmitten einer exotischen Gartengestaltung, die eine Fasanerie mit seltenen Wasservögeln beherbergte. Der Bau, der die zeitgenössische Vorstellung chinesischer Paläste vermitteln sollte, bestand aus drei zweigeschossigen Pavillons auf einem breiten Sockel. Die seitlichen Pavillons waren mit kleinen Appartements ausgestattet und durch eingeschossige Galerien mit dem mittleren, größeren Pavillon verbunden. Zeitgenossen berichteten begeistert über die Ausstattung des Schlösschens und die kostbaren Sammlungen: Im Sockelgeschoss waren in zahlreichen Vitrinenschränken 154 Porzellanstücke ausgestellt, darunter auch ein 84 Teile umfassendes Service für Schokolade, Kaffee und Tee.
Dieses Service hatte Clemens August wohl selbst in der Meißner Manufaktur in Auftrag gegeben. Eine vollständige Datumsnennung auf einigen Serviceteilen deutet auf eine Anfertigung zu seinem 35. Geburtstag am 16. August 1735. Nach dem Tode des Kurfürsten wurde das Service am 18. Februar 1761 gezählt. Die Inventarliste nennt zwei Kaffeekannen, je zwei Tee- und Zuckerdosen (davon eine mit Unterschale), eine Teekanne und ein Milchkännchen sowie zwei Spülkummen, eine Konfitüreschale und je 12 Schokoladen-, Kaffee- und Teetassen mit Unterschalen.

Auf sämtlichen Gefäßen ist auf der einen Seite das von Löwen präsentierte Wappenbild Clemens Augusts zu sehen, auf der anderen Seite jeweils eine schwarz konturierte Goldkonsole mit einer vierpassigen Reserve. Darin finden sich chinoise Hafen- oder Kauffahrteiszenen in Purpurcamaieu-Malerei. Die Konsole dient sogenannten „Höroldt-Chinesen“ als Plattform für ihre heiteren Unternehmungen. Erwachsene Chinesen und Chinesenkinder agieren auf allen Geschirrteilen mit den Initialen des Kurfürsten „CA“, dem vollständigen Namenszug oder mit seinen Insignien. Der Umgang mit den fürstlichen Initialen ist mal heiter und sorglos, mal untertänig und ehrfurchtsvoll. Die Szenen waren ganz der geltenden Annahme verhaftet, das ferne China bzw. die Länder des Fernen Ostens, die man allgemein als „indianisch“ bezeichnete, seien von ewigem Frühling und ständiger Heiterkeit geprägt. Teile der Vorlagen für die auf jedem Stück des Services individuell gestalteten Malereien finden sich in einem später zusammengetragenen Musterbuch, dem sogenannten Schultz-Codex. Die hier gesammelten Blätter zeigen auf, wie die Gestaltung von vielteiligen Services als einheitliche Kunstwerke möglich wurde – auch wenn die Malerei von der Hand verschiedener Porzellanmaler der Manufaktur angefertigt wurde: In diesem Fall neben Höroldt auch Christian Friedrich Herold und Philipp Ernst Schindler d. Ä. Unter diesen Services zählt das des Kurfürsten Clemens August von Köln zweifellos zu den Spitzenleistungen.

Von den 1761 gezählten 12 Schokoladentassen mit Doppelhenkel sind heute noch acht zum Teil in Sammlungen, zum Teil im Privatbesitz befindlich bekannt. Auf der Tasse, die nun mit der Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung für Schloss Augustusburg angekauft werden konnte, sind auf der Konsole drei Chinesen zu sehen, links zwei Kinder, rechts ein erwachsener Mann, der vor einem verdorrten Baum steht, an dessen Stamm ein Zettel mit der Aufschrift „Clement / August / 1735“ angeheftet ist. Auf der Konsole der Unterschale sitzt rechts ein erwachsener Chinese auf einem Stuhl, ein links stehender Mann reicht ihm die ineinander verschlungenen Initialen „CA“, während ein Kind in Rückenansicht in der Mitte steht und zusieht.

Damit kehrt eine zweite Schokoladentasse mit Unterschale aus diesem einzigartigen Service an seinen ursprünglichen Ort zurück. Zwar wurde das „Indianische Haus“ 1822 abgebrochen, die Tradition der Porzellansammlung des Kurfürsten wird jedoch in seinem, seit 1984 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden Sommerschloss Augustusburg fortgesetzt.

Christiane Winkler