Matthäus Merian d. J., Selbstbildnis mit Seneca-Büste, um 1650/1660

Historisches Museum Frankfurt

Die Familie Merian hat eine Reihe von Künstlern und Verlegern von europäischem Rang hervorgebracht. Matthäus Merian d. J. war der älteste Sohn des gleichnamigen Frankfurter Verlegers. Seine Ausbildung zum Maler und Kupferstecher erhielt er in Frankfurt bei dem berühmten Maler Joachim von Sandrart, den er 1637 nach Amsterdam begleitete. Weitere Stationen seiner Ausbildung waren London, Paris, Venedig, Florenz, Rom und Neapel. Nach dem Tod des Vaters ließ Merian sich in Frankfurt nieder und führte das familiäre Verlagsunternehmen weiter. Zugleich wirkte er als Kunstsammler und Kunstagent und entfaltete auch in dieser Eigenschaft eine über Frankfurt hinausreichende Wirkung. Vor allem aber etablierte er sich als einer der führenden deutschen Porträtisten der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, der Aufträge von Fürsten, Adligen und reichen Bürgern erhielt.

Das Selbstporträt zeigt den reifen, sich seiner Fähigkeiten sicheren Künstler gleichsam als Mitglied der internationalen Künstlergemeinschaft. Die kostbare Kleidung, der selbstbewusste Habitus, Mimik und Gestik, der Verweis auf die Zeichnung und eine antike Skulptur stellen das Porträt in die Nähe gleichzeitiger Künstlerbildnisse aus dem flämischen und niederländischen Kreis.

Die Seneca-Büste schreibt Merians Selbstporträt einem weiteren geistesgeschichtlichen Kontext ein. Das historische Museum Frankfurt besitzt von Matthäus Merian d. J. das Porträt des Stadtsyndicus Zacharias Stenglin (1652) und von Sandrart das Porträt des Ratsherrn Maximilian zum Jungen (1636). Beide vertraten die Stadt Frankfurt bei den Friedensverhandlungen in Münster und Osnabrück und gehörten zu einem Kreis von gleichgesinnten Neostoizisten. Eine Seneca-Büste verweist in beiden Porträts auf die Nähe von Dargestellten und Malern zum Neostoizismus. Wenn Merian der Seneca-Büste in dem Selbstporträt nun seinerseits einen prominenten Platz zuerkennt, scheint er sich dem bislang kaum bekannten Frankfurter Humanistenzirkel anzuschließen.

Dr. Wolfgang P. Cilleßen