Löwen-Aquamanile, um 1225

Dom-Museum Hildesheim

Unter den mittelalterlichen Bronzegussarbeiten in kleinem Format sind Aquamanilien stets eine besondere Attraktion, sowohl als figürliche Kleinplastik wie auch als gusstechnische Meisterleistung. Vorwiegend in Gestalt von Tieren, oftmals von Löwen, dienten sie als Gießgefäße bei der liturgischen Handwaschung am Altar, aber auch bei höfischer Tafelzeremonie, aus denen Wasser über die Hände gegossen wurde. Die Figuren sind hohl und mit Öffnungen zum Einfüllen und Ausgießen des Wassers sowie mit einem Griff versehen.

Dieser Löwe ist ein Meisterwerk spätromanischer Bronzekunst, von kraftvoller Körperlichkeit und überaus lebhaft im Ausdruck. Die Tierfigur folgt einem prominenten älteren Vorbild, dem monumentalen Burglöwen, den Heinrich der Löwe 1166 in Braunschweig aufstellen ließ. Das Tiergesicht mit seiner akzentuierten Augenbildung wie auch die Krone zeugen andererseits von der unmittelbaren Stilverwandtschaft zum Taufbecken im Hildesheimer Dom aus der Zeit um 1225. Den Erfindungsreichtum der Hildesheimer Tauf-Werkstatt erkennt man auch in dem besonders reizvollen Detail des Ausgusses über der Stirn, der aus Mähnenzotteln gebildet wird. Der Einguss liegt versteckt in der Krone, der traditionelle Aquamanile-Griff in Form eines Drachen findet sich hier zu einer Schlange reduziert.

Die Beziehungen zum Braunschweiger Löwen einerseits und zum Hildesheimer Taufbecken andererseits kennzeichnen das hochrangige historische und kunsthistorische Umfeld dieses Gusswerks. Nächstverwandt sind vier weitere Löwen-Aquamanilien, die in gleicher Weise mit den beiden monumentalen Bronzen in Braunschweig und Hildesheim verbunden sind; eines hat sich im Domschatz von Halberstadt erhalten, die anderen befinden sich seit dem 19. Jahrhundert in Hamburger und Londoner Museumsbesitz. Die Details sind jeweils variiert, dabei weniger getreu dem Burglöwen-Vorbild folgend als der neu erworbene Löwe in Hildesheim.

In der Geschichte des mittelalterlichen Bronzegusses war Niedersachsen eine der wesentlichsten Kunstlandschaften, darin von zentraler Bedeutung der Bischofssitz Hildesheim. Die hier am Ort überlieferten Werke im Dom und im Dom-Museum – aus den Beständen des Domschatzes – bezeugen gusshandwerkliche Tätigkeit von höchster Qualität in einer gewissen Kontinuität, in immer wieder neue Phasen. Sie reichen vom 11. bis ins späte 13. Jahrhundert, von der Zeit Bischof Bernwards über die eng mit der Goldschmiedekunst verbundenen Werke des 12. Jahrhunderts bis hin zum Taufbecken, Adlerpult und Leuchterlöwen im 13. Jahrhundert. Das Löwen-Aquamanile aus dem stilistischen Umfeld des Taufbeckens ergänzt diese Bestände aufs glücklichste.

Dr. Claudia Höhl