Adolph Menzel, Die Bittschrift (Der Spazierritt), 1849

Staatliche Museen zu Berlin, Alte Nationalgalerie

Das im Mai 1849 erstmals ausgestellte Bild wurde gleichzeitig mit drei anderen Friedrich-Bildern im Herbst 1848 konzipiert, einem Jahr vielfältigen Erprobens künstlerischer Möglichkeiten, unter anderem im Sinne einer "Historienmalerei der Gegenwart". In demselben Augenblick, als der dreiunddreißigjährige Menzel die angefangene Aufbahrung der Märzgefallenen aufgab, begann er den alten Plan eines "Ziklus großer historischer Bilder“ aus der Zeit Friedrichs II. zu verwirklichen. Das erste ausgeführte Bild stellt "den Fürsten" vor Augen, "den die Fürsten haßten, und die Völker verehrten [...], den alten Fritz, der im Volke lebt."

In diesem Schlüsselwerk an der Schwelle vom „jungen“ zum reifen Menzel wird die legendäre, auf Anhieb wieder erkennbare Gestalt des Königs aus der vertrauten, kargen märkischen Landschaft heraus entwickelt. Sie ersteht, frontal und in der Bildmitte, doch weit entfernt, wie von dem jungen Bauernpaar im Vordergrund erträumt. Diesem Paar und dem Baum hinter ihm, der psychologischen Spannung seines unruhigen Zwiegesprächs, den Kontrasten des tanzenden Lichtes, dem Wechsel der Rot-Töne gilt eindeutig das malerische Hauptinteresse; gegenüber dem Wunderwerk von Licht und Gegenlicht erscheint der offene Raum in der linken Bildhälfte wie eine kontrastierende, doch zurückhaltende Begleitstimme.

In Die Bittschrift kreuzen sich die Wege von Sitten-, Historien- und Landschaftsmalerei. Das bedeutet eine Entscheidung gegen ästhetische Gattungshierarchien; parallel dazu wird dem einfachen Landvolk der Raum der Geschichte geöffnet, und die Erinnerung an die politischen Petitionen des Jahres 1848 knüpft an die archaische Vorstellung von den Wunderkräften des gesalbten Königs an.

Dr. Claude Keisch / Dr. Katharina Wippermann