Wassiy Kandinsky, Abstieg, 1925

Kunstmuseum Moritzburg

Mitte der 1920er Jahre hatte Kandinsky in der ungegenständlichen Gestaltung der Bildfläche einen hohen Grad der Perfektion erreicht. Werke wie das Aquarell Abstieg belegen in ihrer Aufteilung in einzelne farblich separierte Register die intensive Auseinandersetzung des Künstlers mit dem parallelen Schaffen von Paul Klee, mit dem er sich als Meister am Dessauer Bauhaus eines der von Walter Gropius errichteten Atelierhäuser teilte. 1925 schuf Kandinsky insgesamt nur 23 Aquarelle, von denen das hallesche Blatt eines der stärksten ist. Innerhalb der einstigen Sammlung des Kunstmuseums Moritzburg Halle (Saale) war es ein signifikantes Werk für seine stilistische Entwicklung in den 1920er Jahren.

Die Komposition vermittelt trotz der gestalterischen Gegensätze und Strenge ein hohes Maß an Harmonie und Ausgewogenheit. Durch die Klammer des schweren Rots am unteren und des massiven Schwarz am oberen Blattrand suggeriert sie etwas Landschaftliches, wenngleich Kandinsky keine Allusion auf eine real vorstellbare Landschaft bietet. Insgesamt eröffnet der Bildraum vielmehr die Vorstellung einer allgemeinen Räumlichkeit. In seiner abstrakten Gestaltung ist er durchaus als Bühnenraum denkbar – ein durch Form und Farbe gestalteter ungegenständlicher Raum, wie ihn Kandinsky für seine unaufgeführt gebliebenen Bühnenstücke vor dem Ersten Weltkrieg, wie z. B. Der gelbe Klang, entworfen hat. Für das Friedrich-Theater in Dessau schuf er 1928 sein einzig realisiertes Bühnenstück zu Modest Mussorgskis Bilder einer Ausstellung.

Das Aquarell gehört zu jenen Werken, mit denen Alois J. Schardt ab 1926 die Sammlung des Museums um Positionen der zeitgenössischen Abstraktion erweiterte. Bereits 1927 erwarb er zwei erste Aquarelle Kandinskys, denen 1929 weitere sechs folgten, darunter Abstieg. Schardt erwarb es im Anschluss an eine große Retrospektive des Künstlers in Halle (Saale). Damit verfügte das Museum über acht Werke, die Kandinskys Schaffen zwischen 1916 und 1929 abbildeten. Bis auf das Aquarell Konzentriertes (1916) wurden alle Blätter 1937 als „entartet“ beschlagnahmt. Das Aquarell Abstieg konnte 2017, 80 Jahre nach seinem Verlust, für die Sammlung des Museums zurückerworben werden.

Thomas Bauer-Friedrich

Abbildung:
Wassily Kandinsky, Abstieg, 1925, Aquarell und Gouache über Tusche auf Papier, 48 cm x 32 cm
© Kunstmuseum Moritzburg