Otto Dix, Selbst mit Palette vor rotem Vorhang, 1942

Kunstmuseum Stuttgart

Das Gemälde Selbstbildnis mit Palette vor rotem Vorhang von 1942 ist ein künstlerisches und zeitgeschichtliches Dokument ersten Ranges und ein Schlüsselwerk im Œuvre des Malers Otto Dix. Dix malte das Werk 1942 in seinem Atelier in Hemmenhofen am Bodensee. Dorthin war der Künstler 1936 mit seiner Familie gezogen, nachdem er zuvor von den Nationalsozialisten aus seinem Amt an der Dresdener Kunstakademie entlassen worden war. 1937 wurden seine Bilder in der Ausstellung „Entartete Kunst“ diffamiert.

Selbstbildnis mit Palette vor rotem Vorhang ist das letzte der bedeutenden Selbstporträts, die Dix seit den frühen 1920er-Jahren angefertigt hat. Der Künstler trägt einen weißlichen Arztkittel, wie er ihn beim Malen stets zu tragen pflegte. In der rechten Hand hält er eine Palette, in der Linken einen Pinsel. Doch Dix war keineswegs Linkshänder, so dass das Bild vor einem Spiegel entstanden sein muss. Die Farbtupfer auf der Palette entsprechen der Farbigkeit des Bildes. Im Zentrum der Darstellung steht der Blick des Künstlers: Die dichten Brauen zusammengekniffen, den Mund fest verschlossen, schaut Dix nach rechts, als fixiere er ein Gegenüber. Seine Augen sind verschattet, beinahe schwarz.

Wie bei einem barocken Herrscherporträt wird der Hintergrund nahezu komplett von einem roten Vorhang eingenommen. Ausschnitthaft eröffnet sich der Blick auf eine dunkle Berglandschaft, deren schwere Wolkenformationen und loderndes Glühen eine dramatisch-erhabene Wirkung evozieren. Die Anlage des Werkes lässt offen, ob es sich um die Ansicht auf eine reale Landschaft oder um das gemalte Bild einer solchen handelt. Für den zweiten Fall scheint Dix bei der Arbeit an dem Gemälde unterbrochen worden zu sein, das er noch schnell mit dem Vorhang zu verdecken versuchte.

Das Gemälde Selbstbildnis mit Palette vor rotem Vorhang enthält zweierlei Aspekte. Zum einen lässt sich das Werk als Reflexion der Situation von Dix verstehen, der als entarteter Künstler im Geheimen metaphorisch-kritische Zeitbilder malt. Zum anderen imaginiert er in der Vulkanlandschaft das apokalyptische Ende des Zweiten Weltkriegs, dessen letzte Tage er im Volkssturm noch miterleben sollte.

Das Bild Selbstbildnis mit Palette vor rotem Vorhang zählt zu den Hauptwerken innerhalb des einzigartigen Bestands von Dix-Werken im Kunstmuseum Stuttgart.

Dr. Sven Beckstette

Abbildung:
Otto Dix (1891-1969)
Selbst mit Palette vor rotem Vorhang
Öl auf Holz
100 cm x 80 cm