Johannesschüssel Anfang 15. Jahrhundert

Museum Schnütgen, Köln

Johannesschüssel waren ein im Spätmittelalter nördlich der Alpen beliebter Typus eines plastischen Andachtsbildes. Sie erinnern an die im Neuen Testament (Mt 14,3-12; Mk 6,17-29) geschilderte Enthauptung des letzten Propheten und Vorläufers Jesu. Angestiftet durch ihre Mutter Herodias, hatte sich Salome als Belohnung für ihren Tanz beim Gastmahl des Herodes Antipas auf einer Schale das Haupt des Predigers erbeten, der zuvor das ehebrecherische Verhältnis des Königs mit seiner Schwägerin Herodias angeprangert hatte. Aus der grausigen Szene der Präsentation des abgeschlagenen Kopfes bei Tisch entstand das ikonisch konzentrierte Motiv des Johanneshauptes auf einer Schale. In der Regel ist nur das Haupt in der Schale wiedergegeben.
Das Museum Schnütgen besitzt bereits einige Exemplare aus Holz und Stein. Motivisch einzigartig ist hingegen dieses besonders qualitätvolle Beispiel.
Eingefügt in das Rund eines Tellers liegt der von wellenförmigen Locken umrahmte plastisch erhabene Kopf des Johannes, der von drei Engeln umgeben ist, die ihn zur Betrachtung präsentieren und zugleich ihre Arme ausbreiten, um ihn in den Himmel zu erheben.
Vergleichbar mit dem Bildtyp der Vera Ikon, dem ebenmäßigen Antlitz Jesu, blickt uns das Gesicht des Johannes mit geöffneten Augen an. Das Werk ist charakteristisch für die englische Alabasterskulptur des 15. Jahrhunderts. Unter den Arbeiten dieser Schule ragt es durch seine künstlerische Qualität und die Feinheit der bildhauerischen Ausarbeitung hervor. Die differenzierte Modellierung verleiht dem Kopf eine ungewöhnliche Präsenz. Mit großer Sorgfalt sind die Einzelheiten plastisch ausgearbeitet und durch die relativ gut erhaltene und wie es scheint originale Teilfassung akzentuiert.
Auf dem Tellerrand sind Spuren einer der für Johannesschüsseln typischen Umschriften wie z.B. „caput Johannis in disco“ zu erkennen. Das Museum Schnütgen verfügt bereits über eine Reihe sehr qualitätvoller Alabasterskulpturen des 15. und 16. Jahrhunderts aus den Niederlanden und aus England, die durch diese Erwerbung um einen neuen Höhepunkt bereichert werden.

Dr. Moritz Woelk

Abbildung:
Johannesschüssel Anfang 15. Jh. Durchmesser: 32,5 cm.

Inv.-Nr. K 747
© Museum Schnütgen, Köln