Hans II. Ostendorfer, Rosenkranztafel 1536

Dombergmuseum, Freising

Das Gemäldeepitaph vom Herzog Wilhelm IV. (1508-1550), der als erster Herzog des wiedervereinigten Bayern die Grundlagen für den bayerischen Staat der Neuzeit schuf, ist ein Denkmal der bayerischen Geschichte von höchstem Rang. Der Herzog wurde mit seiner Gemahlin Jakobäa von Baden in der Fürstengruft der Münchner Frauenkirche bestattet. Als Memoria und Aufforderung zum frommen Gedenken ließ er zu Lebzeiten (1536) die große Tafel (190 cm x 150 cm) in der Kirche aufhängen. Nach dem Tod der dargestellten Familienmitglieder wurden goldene Kreuze zu jeder Person hinzugefügt. Im Zuge der Neuausstattung der Frauenkirche als fürstliche Hofkirche seit 1600 wurde das Epitaph vermutlich entfernt. An Herzog Wilhelm IV. erinnert seither die lebensgroße Bronzefigur am so genannten Kaisergrab von Hans Krumper.

Herzog, Herzogin, ihre Tochter und drei Söhne sind kniend und betend vor einer Pieta unter einem großen kreisförmigen Himmelsbild dargestellt. Der Himmel baut sich aus einem Kreuzesstamm und Wolkenbändern auf. Dort sind um den dreifaltigen Gott 54 einzeln bestimmbare Heilige versammelt. Das Himmelsbild wird umschlossen von den goldenen Rosen eines Rosenkranzes, einem Kreis mit szenischen Darstellungen der Zehn Gebote Gottes und einem Wolkenband. Die Versammlung der Heiligen im rosenumkränzten Himmelskreis folgt Nürnberger Holzschnitten der Zeit um 1500, die auch Lukas Cranach und Jan Polack als Vorlage für große Gemälde gedient haben. Zum ersten Mal tauchen in einem solchen Bild hier die Bildbeispiele für die Zehn Gebote, sowie die Pietà und die Darstellung der Armen Seelen auf. Die Darstellung der fürstlichen Familie mit Portrait und Wappen verleiht diesem Weltbild über die persönliche Frömmigkeit hinaus öffentliche Autorität. Damit ist das Gemälde ein Dokument der geistigen und politischen Auseinandersetzungen am Beginn der Neuzeit, die mit Humanismus, Reformation und Renaissance schlagwortartig gekennzeichnet werden. Das wichtigste künstlerische Zeugnis aus dieser Epoche in Bayern ist der Zyklus der Historienbilder von A. Altdorfer, J. Breu, H. Schöpfer u. a., der den Kernbestand aller bayerischen Kunstsammlungen bildet. Zu diesem humanistischen Gemäldezyklus ist das Epitaph das in Stil und Malweise verwandte geistliche Gegenstück.

Wenige Werke vermögen dem modernen Betrachter die Spannungen des Reformationszeitalters so anschaulich vor Augen führen, und wenige bieten ihm eine solch reiche Bilderwelt – vom Genre des Portraits über die liebevoll durch Alltagsszenen dargestellten Zehn Gebote bis zum kreisförmigen Himmelsbild –, die im Allerheiligenaltar Albrecht Dürers ihre zeitgemäße Form erhielt.

Dr. Peter B. Steiner

Abbildung:

Hans II. Ostendorfer, Rosenkranztafel 1536
© Dombergmuseum, Freising