Ein Hoch auf die Blattpflanze! Ein Hoch auf den Eierbecher! - Ein Stillleben von Modersohn-Becker

Kunsthalle Bremen

Paula Modersohn-Beckers Stillleben gehören zu ihren eigenwilligsten und modernsten Bildern. Dazu gehört auch das Stillleben mit Blattpflanze und Eierbecher, das vor allem durch den kühnen Bildausschnitt auffällt. Die Gegenstände sind so nah gesehen, dass die Pflanze am oberen und am linken Bildrand beschnitten wird. Ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken damit ein als Vase benutzter Eierbecher, eine Orange und eine Zitrone: kleine Dinge des alltäglichen Lebens, die aber durch die extreme Nahsicht monumental wirken. Inszeniert werden diese Früchte zudem durch das Tischtuch, dessen Falten von allen Seiten auf die Zitrusfrüchte zulaufen. Dieses Kompositionsmittel hatte vor Modersohn-Becker bereits Paul Cézanne verwendet. Die Worpsweder Künstlerin bewunderte dessen Bilder. Schon 1900 entdeckte sie seine Bilder in der Galerie von Ambroise Vollard in Paris. 1905, in dem Jahr ihres dritten Paris-Aufenthaltes, beschäftigte sie sich intensiv mit Cézannes Stilllebenmalerei. Ihr Stillleben mit Blattpflanze und Eierbecher zeigt aber, dass sie auch über andere Strömungen französischer Kunst auf dem laufenden war: Die flächige Gestaltung des Bildes und die Konturierung der einzelnen Gegenstände verweist auf den sogenannten „Cloisonnismus“ von Paul Gauguin. Das Stillleben mit Blattpflanze und Eierbecher macht die Freude deutlich, mit der Modersohn-Becker die bahnbrechenden Möglichkeiten der neuesten französischen Malerei erprobte. Immer aber ging es ihr darum, diese Errungenschaften ihrer ganz eigenen malerischen Sprache zugute kommen zu lassen. Diese äußert sich unter anderem in der Dichte des Farbauftrags, die von den Bildern Cézannes gänzlich unterschieden ist und die ihren Bildern eine eigentümliche Schwere verleiht. Laut Otto Modersohn ging es ihr darum, „das Ding an sich“ wiederzugeben, also den vom menschlichen Gebrauch völlig losgelösten Gegenstand in seiner ewigen Existenz. So sind die Dinge in ihren Stillleben einfach da, treu in ihrer Massivität und gesättigt mit der Essenz ihres Seins.

Henrike Holsing

 

Abbildung:

Paula Modersohn-Becker, Stillleben mit Blattpflanze und Eierbecher, 1905, Öl auf Leinwand, 25,7 cm x 24 cm, © Kunsthalle Bremen