"Danseuse Cambodgienne" von Auguste Rodin, 1906/07
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
Auguste Rodin ist vornehmlich als revolutionärer Bildhauer bekannt, der seine plastischen Werke durch eine neue und suggestive Skizzenhaftigkeit prägte. Doch er war auch ein herausragender Zeichner, von dem sich weit über 7.000 Zeichnungen und Aquarelle erhalten haben. Der Künstler betrachtete sie als autonome Arbeiten. Zu Rodins bekanntesten Werken auf Papier zählen seine späten Aktstudien, die er zunächst mit Bleistift ausführte und anschließend mit Aquarellfarben weiterbearbeitete. In einer bewussten Abkehr vom akademischen Ideal hielt er seine Modelle in schneller Bewegung fest: Sie liefen und tanzten durch sein Atelier, während er mit Stift und Papier ihre impulsiven, teils eruptiven Körperhaltungen mit summarischen Linien erfasste.
Einen Höhepunkt seiner späten Schaffensjahre bildet eine Serie von rund 150 Blättern, auf denen Rodin Mitglieder einer kambodschanischen Tanzgruppe darstellte. Anlässlich einer Kolonialausstellung im Jahr 1906 (seit 1863 stand das kambodschanische Reich unter französischem Protektorat) besuchte Sisowath I. als erster König von Kambodscha Frankreich. In seinem Gefolge trat das königliche Khmer Ballett dort erstmals auf und erregte großes Aufsehen. Rodin, der die Tänze in Paris begeistert gesehen hatte, reiste der Gruppe sogar nach Marseille nach, um sie während der letzten Tage ihres Aufenthaltes noch einmal ausgiebig studieren zu können.
Das für Karlsruhe erworbene Blatt zeigt die Rückansicht einer kambodschanischen Tänzerin, die Rodin mit hoch erhobenen Armen in einer Schrittbewegung erfasst. Ihr Oberkörper erscheint in einer eigentümlichen Doppelung, die einen Spiegel vermuten lässt. Charakteristisch für den Tanz ist die wellenartige Auf- und Abbewegung der Arme sowie angewinkelte Hände, Finger und Füße, die sich vom klassischen europäischen Ballett diametral unterscheiden und die Rodin außerordentlich faszinierten. Deutlich akzentuiert er die dunkle Hautfarbe und nutzt für die Kleidung stark verdünnte Aquarell- und Gouachefarben in blau und hellgrün. Ihr flüssiger, klecksender Auftrag unterstützt die Anmutung von schimmernden Textilien und schwingenden Bewegungen.
Dr. Dorit Schäfer
Abbildung: August Rodin, Danseuse Cambodgienne (Danseuse devant un miroire), 1906/07, Aquarell
© Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
