Von Schätzen und Schicksalen: Das Hennebergische Museum Kloster Veßra und das Reisegebetsbüchlein Wilhelms IV. von Henneberg-Schleusingen

Hennebergisches Museum, Kloster Veßra

Im Jahr 2031 feiert das Hennebergische Museum Kloster Veßra das 900. Gründungsjubiläum des ehemaligen Prämonstratenserklosters. Vor diesem Hintergrund macht es sich das 1975 als Agrarhistorisches Museum gegründete Freilichtmuseum zum Ziel, die bisher nur wenig erzählte Geschichte des Hausklosters der Henneberger Grafen in einer Ausstellung dauerhaft sichtbar und erlebbar zu machen. Durch den Erwerb des Reisegebetsbüchleins Wilhelms IV. von Henneberg-Schleusingen (gest. 1559) für die Museumssammlung eröffnen sich für das genannte Ausstellungsvorhaben nun außerordentliche Möglichkeiten.
Das lateinische Reisemissale (Vademecum) von 1510 ist nicht nur ein Werk von besonderem kunst- und kulturhistorischem Rang, sondern ist als ein für die hennebergische Frömmigkeits- und Herrschaftsgeschichte bedeutendes Einzelstück zu bewerten. Ist der in der Nürnberger Buchdruckerei des Wolfgang Huber (gest. 1514) gedruckte Text auch mehrfach überliefert, erhält die Spezialanfertigung für Wilhelm IV. von Henneberg durch die aufwändig gestaltete Wappenmalerei und die floralen Verzierungen auf den Einzelseiten einen unikalen Charakter und zeugt vom hohen Repräsentationsanspruch des fürstlichen Codex. Die durch Schriftquellen gut dokumentierte Reisetätigkeit Wilhelms IV., so z. B. 1521 zum Reichstag nach Worms, auf dem das Schicksal Martin Luthers verhandelt wurde, machte ein Reisemissale erforderlich, um auch unterwegs an gottesdienstlichen Handlungen teilhaben zu können. Der Graf dürfte somit sowohl Auftraggeber des Druckes als auch dessen Nutzer gewesen sein. In der Geschichte des Klosters Veßra nimmt Wilhelm IV. von Henneberg-Schleusingen eine besondere Rolle ein. Ihm verdankte der Abt des Klosters dessen Infulierung und somit dessen Rangerhöhung durch den Papst. Ebenso fallen in die Zeit Wilhelms IV. weitreichende Baumaßnahmen an den Klostergebäuden, aber auch die Einführung der Reformation und die damit verbundene Auflösung des Klosters im Jahre 1544. Er ist auch der letzte Graf, der in der Grabkapelle des Hausklosters 1559 seine letzte Ruhestätte fand.
Der Codex bietet neue museale Ausstellungsnarrative und die Möglichkeit ein geistes- und kulturgeschichtlich wertvolles Original zu bewahren und dauerhaft der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Claudia Krahnert

 

Abbildung:
Vade mecum. Missale itinerantium seu misse peculiares valde devote Nürnberg: Wolfgang Huber, 22. Aug. 1510
Inkunabeldruck mit gotischen Typen, gedruckt in Rot und Schwarz, mit Wappenmalerei in Deckfarben und Gold, dargestellt ist das Wappen des ersten Besitzers Wilhelm IV. Graf von Henneberg (1478–1559); im Text zahlreiche zweizeilige Initialen in poliertem Gold auf farbigen, weiß ornamentierten Gründen mit roten Fleuronnéeausläufern, in gleicher Art die große Te-igitur- Initiale im Kanonteil sowie insgesamt 45 fantasievolle Blütenmalereien in Deckfarben; Goldschnitt 7 cm × 14,4 cm


Fotonachweis: © Hennebergisches Museum Kloster Veßra