Koromandellackschirm, spätes 17. Jahrhundert

Staatliche Museen zu Berlin – SPK, Museum für Asiatische Kunst

Stellschirme des im Westen Koromandellack genannten Typus sind Erzeugnisse des chinesischen Kunsthandwerks und hatten im 17. und 18. Jh. ihre Blütezeit. In der Koromandellack-Technik wird auf Holzpaneele eine einige Millimeter starke Schicht aus Kreide vermischt mit Leim aufgetragen, und darüber wieder eine dünne Schwarzlackschicht. Die bildlichen Darstellungen werden durch die Lackschicht in die Kreideschicht eingeschnitzt. Die freigelegten Partien der hellen Unterschicht, von schwarzen Flächen oder Stegen getrennt, werden mit Farben bunt koloriert und teilweise vergoldet. Diese Schirme wurden in China gerne als Geschenke verwendet, hauptsächlich zu Geburtstagen oder Titelverleihungen. Ein großer Koromandellack-Stellschirm fehlte in der Museumssammlung und war ein Desiderat. Das jetzt mit Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung erworbene Exemplar ist ein Spitzenwerk der Lackkunst in außerordentlich gutem Erhaltungszustand und von beeindruckender Größe. Der Stellschirm zeigt einen Garten mit Gartenfelsen, Bäumen, Blumen und Vögeln innerhalb einer Bordüre mit Darstellungen von Antiquitäten wie sie traditionell von chinesischen Literaten gesammelt wurden. Im Literatengarten kristallisiert sich die ganze Lebens- und Naturphilosophie der geistigen und wirtschaftlichen Oberschicht Chinas, der Literaten. Sinngemäß wird der Stellschirm im 2019 zu eröffnenden Humboldt Forum im Bereich „chinesische Literatenkultur 12.-19. Jh.“ dauerhaft gezeigt werden.
Die große Bedeutung der Erwerbung liegt im Kontext der Geschichte des wiederaufgebauten Stadtschlosses Berlins, des Humboldt Forums. Im Lackkabinett des Schlosses, im 2. Weltkrieg zerstört, waren Koromandelschirme als Vertäfelung verwendet; einer davon war nahezu identisch mit dem hier besprochenen Stellschirm. Die Kunstkammer des Schlosses und das chinesische Lackkabinett bildeten zusammen die Keimzelle aller Berliner Museen, ganz speziell auch der Asiensammlungen. Asiatische Objekte aus der alten Kunstkammer (schon vor 1700 dort enthalten) befinden sich jetzt noch im Museum für Asiatische Kunst und im Ethnologischen Museum – beide Museen werden 2018-2019 ins Humboldt Forum umziehen. Die Wirkung dieses Stellschirms, fast identisch mit dem im Lackkabinett verarbeiteten Schirm und ein für frühe Asiensammlungen so charakteristisches Objekt, ist in diesem Kontext nicht zu übertreffen.

Prof. Dr. Klaas Ruitenbeek