Josef Hoffmann, Wiege, um 1906

Bröhan-Museum, Berlin

Josef Hoffmann ist zusammen mit Adolf Loos und seinem Lehrer Otto Wagner der wichtigste Gestalter des Wiener Jugendstils. Als Mitbegründer der Wiener Secession und der Wiener Werkstätten propagierte er die Erneuerung des Kunstbegriffs und die Rehabilitierung des Kunstgewerbes im Rahmen der Wiener Werkstätte. Im Gegensatz zur organischen Jugendstilornamentik war er ein Vertreter eines geometrisch-abstrakten Entwurfsstils. Im Sinne eines Gesamtkunstwerks sollten alle Lebensbereiche des Menschen gestaltet werden – und diese Maxime schloss auch das Kinderzimmer nicht aus. Herausragende Beispiele für die Umsetzung des Konzepts Gesamtkunstwerk sind das Sanatorium Purkersdorf 1906 in Wien und das Palais Stoclet 1905-1911 in Brüssel, wo Josef Hoffmann eine Einheit von Architektur und Design schuf.

Die Wiege wurde um 1906 von Josef Hoffman entworfen und von dem Möbel- und Inneneinrichtungsunternehmen Jacob & Josef Kohn in Wien, die für ihre exzellente Verarbeitung von gebogenem Holz bekannt waren, ausgeführt. Hoffmann nimmt in diesem Stück Abstand vom klassischen, trapezförmigen Aufbau einer Wiege und entwirft parallele Buchenbugholzstreben zwischen zwei ovalen Sperrholzplatten, sodass die gesamte Konstruktion an ein Schiffsskelett erinnert. Der Wiegenkörper ist dezent an zwei vertikalen Leisten aufgehängt, die durch ihre Strukturierung mit acht kleinen Holzkugeln an Hoffmanns Siebenkugelstuhl von 1908 erinnern und Verstellbarkeit simulieren. Elegante Bugholzbögen rahmen die gesamte Form ein. Bugholz ist die entscheidende technische und gestalterische Innovation, die die Wiener Designer zur Designgeschichte beitrugen. Das Bröhan-Museum besitzt mit der Sitzmaschine (um 1905) und dem Fledermausstuhl (um 1906) schon zwei schöne, aber recht häufig vertretene Möbel von Hoffmann.

Es handelt sich bei der Wiege wohl um einen Prototypen, denn weitere Exemplare sind nicht bekannt und auch in den Katalogen von J. & J. Kohn nicht nachzuweisen. Sie ist somit ein herausragendes Stück im Œuvre Josef Hoffmanns und damit ein außergewöhnliches Exponat, das innerhalb der Sammlung des Museums eine Sonderstellung einnimmt und entscheidend zur Profilierung der Sammlung beiträgt Josef Hoffmann entwickelt eine neue zeittypische und innovative Form für einen ansonsten sehr festgelegten Gegenstand. Geradezu exemplarisch führt er an der Wiege das technische Knowhow der Firma Kohn vor. Einfach gebogene Stäbe, halbkreisförmig gebogene Stäbe und sogar als Stütze des Wiegenkorpus ein zum Endlosband gebogener Stab. Das ungewöhnliche Sujet Wiege ist ein Attraktionspunkt der Sammlungspräsentation.

Dr. Tobias Hoffmann