Franz Marc, Wölfe, 1913

Schloßmuseum Murnau

Das querformatige Blatt stellt eine kaum noch erkennbare, menschenleere Landschaft dar, die von Wölfen beherrscht wird. Die scharf gezackte Zeichnung der Landschaft und der Tiere, ihre zerrissene und zersplitterte Gestaltung, beschreiben das Zerstörerische, Vernichtende, das die Ereignisse der Balkankriege im Sommer 1913 – Vorboten des 1. Weltkriegs im folgenden Jahr – verursachten. In dieser Weise reagiert Franz Marc tief betroffen auf die erschreckenden Auswirkungen des Krieges und das Auslöschen des vorherigen Lebens. Dessen Ausgewogenheit und Harmonie, die Marc seinem Weltverständnis nach am reinsten im Tier verkörpert sah und die er vielen bedeutenden Tier-Darstellungen zum Ausdruck brachte, ist hier durch menschliche Tun erschüttert und vernichtet. Durch aggressive, in der verwüsteten Landschaft streunende Wölfe verbildlicht Marc eindringlich die Gewalt des Krieges und das nun herrschende Chaos.

Die Bleistiftzeichnung war der Entwurf für ein Gemälde, das Marc unter dem Titel Die Wölfe (Balkankrieg) im gleichen Jahr malte. Dieses mit 70,8 cm x 139,7 cm auch in seiner Größe bedeutende Gemälde gibt die in der Zeichnung bruchstückhaft angelegte Komposition im Grundgedanken wieder. Das Gemälde stellt die Tiere als zentrale Motive in den Vordergrund, zeigt sie in kompakter, flächiger Gestalt und in tiefem Schwarz und aggressivem Rot, steigert das Bedrohliche durch deren spannungsvollen Kontrast und durch weitere gelbe, violette und blaugrüne Farbgebung. Zwei Kühe, klein im Hintergrund, und ein liegendes Tier links erinnern an das vorherige friedvolle Leben. Das Gemälde wurde noch im Jahr seiner Entstehung in der Ausstellung Erster Deutscher Herbstsalon in Berlin in der Galerie “Sturm“ präsentiert. Es befindet sich heute in der Albright-Knox Art Gallery, Buffalo, NY.

Die Zeichnung gibt den ersten verstörenden Eindruck, den die kriegerischen Ereignisse auf Franz Marc machten, in erregter, „bezeichnender“ Strichführung unmittelbar wieder.

Dr. Brigitte Salmen