Erich Heckel

Atelierszene 1910/11
Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Albertinum

Erich Heckel stellt hier eine Szene in Ernst Ludwigs Kirchners legendärem Atelier in Dresden-Friedrichstadt dar. In der Atelierwohnung versammelten sich die jungen Maler, die sich 1905 in Dresden zur Künstlergruppe BRÜCKE zusammengeschlossen hatten, mit Ihren Freundinnen und Modellen. Um in ihren Aktdarstellungen natürliche Bewegungen rasch einfangen zu können, sollten sich die Mädchen im Atelier frei und ungezwungen bewegen. Alltagsleben und Kunstausübung in eine Einheit zu bringen, war programmatische Absicht.
Von der Ausstattung des Ateliers, die von Fotos und anderen Werken der Künstler bekannt ist, sind unter anderem ein Vorhang und der mit einer archaischen hockenden Figur bemalte grüne Wandschirm zu erkennen. Nachempfunden war diese Gestaltung Werken der außereuropäischen Kunst, wie sie Erich Heckel und Ernst Ludwig Kirchner unter anderem im Museum für Völkerkunde in Dresden studierten. Beispielsweise war die Formensprache javanischer Schattenspielfiguren wohl vorbildlich für Figurenszenen auf dem gelben Türvorhang.
Von einer expressiv vereinfachten Arbeitsweise beim Holzschnitt angeregt, sind in Heckels Gemälde die einzelnen Farbflächen mit schwarzen Umrisslinien hart voneinander abgesetzt. Der Komplementärkontrast von Rot und Grün ist zum Äußersten gesteigert. Das Bild ist eines der konsequentesten Beispiele für den flächigen „Kollektivstil“ der BRÜCKE, der mit akademischen Konventionen brach und damals einer „ornamentalen Farbsensation“ (Carl Einstein, 1926) gleichkam. Bislang konnte die Dresdner Gemäldesammlung im Albertinum kein Werk aus dieser Hoch-Zeit der BRÜCKE in Dresden ihr Eigen nennen.
Die „Atelierszene“ war vom Künstler spätestens 1939 übermalt worden, 1986 wurde sie auf der Rückseite des Gemäldes „Steine“ (1939) - in einem insgesamt guten und authentischen Erhaltungszustand - wiederentdeckt und freigelegt. Überliefert ist das Gemälde mit einem Firnis und in der Aufspannung von 1986, die eine Präsentation der Rückseite noch nicht vorsah.

Birgit Dalbajewa