Julius Echter Patron der Künste

25.06.2017 – 24.09.2017

Martin von Wagner Museum der Universität Würzburg

Familiensinn und Prachtentfaltung

Die Ernst von Siemens Kunststiftung fördert die Ausstellung und die Restaurierung zweier monumentaler Bildteppiche aus dem Stammsitz und der Residenz des Würzburger Fürstbischofs Julius Echter.

Kaum eine andere historische Gestalt hat sich der regionalen Identität Mainfrankens so sehr eingeprägt wie Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn. In seiner 44-jährigen Regierungszeit, von 1573 bis 1617, erwies er sich auf vielfache Weise als Förderer von Kunst und Wissenschaft. Als solcher wird Julius Echter 2017 mit einer umfassenden Ausstellung im Martin von Wagner Museum der Universität Würzburg gewürdigt. Dort werden auch zwei Tapisserien gezeigt, die Einblicke in ganz unterschiedliche Lebenswelten dieser außerordentlichen Herrscherpersönlichkeit gewähren. Die eine wurde für die Ausstellung restauriert, die andere konservatorisch gesichert. Beide Maßnahmen werden, wie die Ausstellung selbst, von der Ernst von Siemens Kunststiftung im Rahmen der Initiative KUNST AUF LAGER gefördert.
Der frühere der beiden Wirkteppiche, 1563 datiert, gehört zu den ältesten erhaltenen Dynastieteppichen in Deutschland und bietet ein authentisches Zeugnis adliger Wohnkultur zur Zeit der Renaissance. Heute im Fürstenbaumuseum der Würzburger Festung Marienberg, gehörte der Wandbehang einst zur Ausstattung von Schloss Mespelbrunn im Spessart, dem Stammsitz der Familie Echter. Über eine Breite von 7,70 m sieht man die Familie des Mainzer Rates und Amtsmannes Peter III. Echter und seiner Frau Gertrud in einem Garten aufgereiht. Unter den sechs Söhnen und vier Töchtern befindet sich auch Julius Echter im Alter von neunzehn Jahren. Sämtliche Figuren sind durch Banderolen namentlich gekennzeichnet – auch die Figuren in den Gartenpforten, mit denen ein Diener namens Michel und die körperlich behinderte Dienerin Christina, die vom Haus sehr geliebt und testamentarisch bedacht wurde, in den Familienverband mit einbezogen werden. Neben den Personen beleben üppig blühende Gewächse und zahlreiche Tiere den Garten.
Der Springbrunnen in der Mitte der Szenerie versinnbildlicht einerseits den Ort des Familiensitzes, dessen alte Bezeichnung „Zum Espelborn“ lautete. Andererseits erweist er sich als Lebensbrunnen im christlichen Sinn, erst recht durch den bekrönenden Pelikan, einem Symbol für den Opfertod Christi. Darüber herrscht als oberste Instanz die Heilige Dreifaltigkeit. Ermahnungen der Eltern an ihre Nachkommen (auf weiteren Spruchbändern) vertiefen das moralisch-theologische Programm. Gerade im Hinblick auf das spätere Wirken Julius Echters müssen die Worte des Vaters als wegweisend angesehen werden: „Liebe Kinder, das ist mein Gebot. Meidet Schandt und fürchtet Got.“ Gleichzeitig wird unmittelbar augenfällig, was aus der Beherzigung dieser Regel folgt: das Blühen und Gedeihen der Familie in einer Tradition, die von den beigefügten Ahnenwappen verbürgt wird.
Durch seine Maße, seinen Detailreichtum und seine sozialhistorischen Besonderheiten ist diese Tapisserie ein einzigartiges Dokument für die Mentalität einer adligen Familie des 16. Jahrhunderts. Mit dem zweiten Echter-Teppich ist dieser private Rahmen verlassen: Er führt geradewegs in die höfische Repräsentation der internationalen Renaissance. Im Dreißigjährigen Krieg als Beutegut nach Schweden gelangt, wird dieses wenig bekannte Werk jetzt zum ersten Mal seit 1631 wieder in Würzburg zu sehen sein, noch dazu inmitten von Gegenständen, die einst tatsächlich seine Umgebung bildeten.
Nach seinen Studienjahren in den spanischen Niederlanden hatte Julius Echter eine ausgesprochene Vorliebe für flämische Künstler, die er teilweise selbst in Würzburg beschäftigte. Die Tapisserie ließ er in einer Brüsseler Manufaktur anfertigen, wie sein mittig eingewebtes Wappen und die Stadtmarke „BB“ beweisen. Dargestellt ist der junge David, der gerade in den Kampf gegen Goliath aufbricht. Im Vertrauen auf Gottes Schutz verzichtetet er auf die Rüstung und die Waffen, die ihm König Saul bringen läßt. Der Teppich war Teil eines David-Zyklus, der sicherlich für einen repräsentativen Ort bestimmt war, vielleicht für die Stadtresidenz im Fürstenbau des Juliusspitals. Der altbiblische König stand im konfessionellen Zeitalter als herrscherliche Identifikationsfigur hoch im Kurs.
Die Formensprache wurzelt im Figurenstil und in der Kompositionsweise der Raffael-Schule. In der Brüsseler Tapisseriekunst wurde an diesen anspruchsvollen Stilmustern lange festgehalten. Äußerst phantasievoll, überreich an ornamentalen und figürlichen Einzelheiten, sind die breiten Bordüren gestaltet. Hier kann das Auge des Betrachters zwischen höfischen Szenen und naturwüchsigen Motiven endlos herumwandern. Aus dem Durchschnittsniveau der Würzburger Bildkunst um 1600 ragt der David-Teppich einsam heraus. Vieles, was unter Julius Echter entstand, blieb unterhalb des Meisterlichen. Wie sehr er jedoch an Qualität interessiert war, wenn es um die Inszenierung der eigenen magnificentia religiosa ging, demonstriert dieser maßgefertigte Import, der nun – nach über 400 Jahren – zum zweiten Mal nach Würzburg reist.

Damian Dombrowski
Direktor des Martin von Wagner Museums der Universität Würzburg, Neuere Abteilung

} zurück