Aquamanile in Gestalt eines Drachen, 12. JH.

Dommuseum Hildesheim

Im Jahr 2010 wurde in einem süddeutschen Auktionshaus ein als osmanische Öllampe des 19. Jahrhunderts bezeichnetes Objekt versteigert. Schnell stellte sich anschließend heraus, dass es sich um ein bisher unbekanntes Bronzeaquamanile handelt, ein Hauptwerk der Metallkunst aus dem zweiten Drittel des 12. Jahrhunderts.Das Gießgefäß folgt der Form eines Senmurven, des Fabelwesens aus der persischen Mythologie. Es hat einen fast kugelförmigen Körper, wobei der hochgereckte Schwanz als Einguss dient. Die nach oben gerichteten Flügel werden ergänzt durch eine gebogene Stütze zur Stabilisierung des Gefäßes. Der Kopf mit dem Rachen als Ausguss verschmilzt Formen von Greif, Hahn und Drache. Die Zahnreihen des halb geöffneten Mauls treten deutlich hervor, und die aus hellem Silber gearbeiteten Augäpfel mit Pupillen aus schwarzem Niello sind besonders ausgezeichnet. Das Aquamanile ist insgesamt sehr gut erhalten und weist lediglich einige Eindellungen auf. Es war ursprünglich vergoldet, doch haben sich davon durch den jahrhundertelangen Gebrauch nur noch Reste erhalten. Die gravierte Oberfläche mit den flächigen Musterungen auf der Brust erinnert an orientalische Gießgefäße und ist typisch gerade für die Hildesheimer Metallarbeiten dieser Zeit, wie zum Beispiel das Armreliquiar des hl. Gereon (Hildesheim, Dommuseum, Inv.-Nr. L 1994-2) oder die drei Scheibenkreuze aus dem Hildesheimer Dom (Hildesheim, Dommuseum, Inv.-Nr. DS 27a-c). Das Drachenaquamanile weißt deutliche Übereinstimmungen mit einer kleinen Gruppe besonders qualitätvoller Gießgefäße auf, die um die Mitte des 12. Jahrhunderts entstanden sind (z. B. Wien: Kunsthistorisches Museum und London: Victoria & Albert Museum). Besonders steht der Neuerwerbung aber ein Gefäß im Landesmuseum Württemberg in Stuttgart nahe (Inv.-Nr. 1960/350), bei dem allerdings Schnabel und Füße verloren sind. Unterschiedlich ist jedoch, dass an dem Hildesheimer Aquamanile Silbertauschierungen und Niellierungen nur an den Augen zum Einsatz kamen, während sie bei den anderen Arbeiten großflächiger auftreten. Ob dies im Sinne einer chronologischen Entwicklung interpretiert werden kann, oder eher einer unterschiedlichen Verwendung bzw. Wertigkeit, ist bislang unklar.

Gerhard Lutz